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Dein Stuttgart - Deine Leute

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1. Man sprach mit lobenden Worten über Ihre Tätigkeit im Sportbereich in unserer Stadt Herr Hermet. Seit wann arbeiten Sie für den Sportkreis Stuttgart, was ist Ihre Funktion und wie genau sieht Ihr Alltag aus?

Das freut mich. Im Jahr 1995 habe ich als Projektleiter beim Sportkreis angefangen. Im Rahmen des damals als Pilotprojekt initiierten „Gemeinschaftserlebnis Sport“ (GES) in Trägerschaft von Stadt und Sportkreis standen zwei Ziele im Vordergrund. Zum einen sollten unterschiedliche Praxisansätze sowie strukturorientierte Lösungen zur Schaffung von Sport- und Bewegungsangeboten für Kinder und Jugendliche entwickelt werden, zum anderen wollte das Projekt spezifische Unterstützungsleistungen des Sports im Sozialisationsprozess von Heranwachsenden für diese allgemein nutzbar und erreichbar machen. Besonders spannend in diesen Jahren war die Arbeit an der Schnittstelle Sport und Soziales, man könnte auch sagen „die sportliche Offensive in der Sozialarbeit“. Auch dank meiner Kollegen, die 2002 die Weiterentwicklung des GES übernahmen, wurde daraus ein Erfolgsprogramm mit vielen Bausteinen, das erfolgreich sportpädagogische Bildungsangebote im gesamten Stadtgebiet umsetzt

Ich selbst wurde im Jahr 2002 mit der Geschäftsführung des Sportkreises Stuttgart betraut. Mein Arbeitsalltag ist vielschichtig und abwechslungsreich, das macht die Arbeit im Grundsatz interessant. Ein für mich wesentliches Element ist dabei der Dialog mit Menschen. Der Sportkreis ist Dienstleister und Interessensvertretung der 300 Stuttgarter Sportvereine und rund 30 Sportfachverbände sowie Ansprechpartner für die Stuttgarter Bürger zu Themen rund um den Sport. Von daher ist ein wichtiger Teil der Arbeit die Beratung der Vereine und der dort handelnden Personen. Das Spektrum reicht dabei von klassischen Vereinsthemen bis hin zur Begleitung von Prozessen. Insgesamt würde ich diesen Bereich unter dem Begriff Vereinsentwicklung zusammenfassen.

Arbeitsinhalte entstehen beispielsweise aber auch aus gesellschaftlichen Entwicklungen heraus. Die Ganztagsschule ist dafür ein gutes Beispiel. Es ist uns in einem dreijährigen Prozess mit mehreren Partnern gemeinsam gelungen, für die Stuttgarter Vereine eine einheitliche und verbindliche Regelung zu treffen.

2. Der Mitternachtssport ist ein landesweit populäres Konzept geworden. Wie entstand die Idee des Mitternachtssports?

Im Jahr 1996 gab es einen Bericht im Regionalfernsehen NRW, in dem über ein Basketballangebot in den späten Abendstunden berichtet wurde. Das hat uns auf die Idee gebracht, etwas Ähnliches auch in Stuttgart zu versuchen und damit dem veränderten Freizeitverhalten von Jugendlichen zu entsprechen. Mit dem Polizeipräsidium Stuttgart und der Mobilen Jugendarbeit haben wir schnell die richtigen Partner gefunden, unser „Stuttgarter Konzept“ entwickelt und in die Praxis gebracht. Selten ging es bei einem Projekt von der Idee bis zur Umsetzung so schnell wie bei Basketball um Mitternacht. Ein entscheidender Punkt dafür war, dass wir die Argumente und die Instrumente zur selben Zeit hatten. Köln und Stuttgart waren vor 20 Jahren die ersten Städte, die diese Serie ins Leben gerufen haben. In den Folgejahren haben wir viele Kommunen bei der Initiierung beraten. Es war ein Hype, alle wollten Basketball um Mitternacht (BuM) haben.

3. Wie würden Sie sagen, wird dieses Konzept nach all den Jahren von den Jugendlichen angenommen? Hat sich da etwas verändert zu früher?

BuM ist nach wie vor angesagt, im Durchschnitt haben wir rund 40 Teilnehmer bei den Veranstaltungen. Das Grundkonzept ist dasselbe, allerdings hat sich die Zielgruppe
verändert. Während wir in den ersten Jahren eher 14- bis 17-jährige bei den Turnieren hatten sind es heute eher 18- bis 23-jährige. Wir konnten immer ehemalige Teilnehmer als Coaches für die Turniere einbinden, das war aus meiner Sicht ein wichtiger Punkt für das Gelingen.

Parallel zu BuM haben wir vor ungefähr zehn Jahren ein weiteres offenes Sportangebot - „Nachtaktiv“ - gestartet und in einigen Stadtbezirken etabliert. Bei Nachtaktiv wird Fußball gespielt.

4. In seinem Artikel von letzter Woche schrieb Victor Amiri, dass es in Stuttgart zu wenig Freiplätze für Basketballspieler gibt. Würden Sie das so unterschreiben und wenn ja woran liegt das und wie könnte man da Abhilfe schaffen?

Sporttreiben in unserer Stadtgesellschaft findet in verschiedenen Kontexten statt. In der Schule als Pflichtfach, im Verein auf freiwilliger Basis (jeder vierte Stuttgarter ist Mitglied) und/oder auch ungebunden.
Ein frei zugänglicher (Basketball) Platz und Treffpunkt der Basketballer in zentraler Lage wäre eine gute Sache. Aber die „freien“ Flächen sind rar. Eventuell ergibt sich eine Gelegenheit durch die freiwerdenden Flächen im Zusammenhang mit dem Bahnprojekt „Stuttgart 21“. Abgesehen von der Standortfrage gibt es noch eine Reihe weiterer Punkte, die abgearbeitet werden müssen. In jedem Fall wäre es ein spannendes und aus meiner Sicht lohnendes Vorhaben.

5. Welche Projekte stehen Ihnen in diesem Jahr noch bevor?

Seit rund einem Jahr arbeiten wir im Thema „Sport für und mit Flüchtlinge(n)“ auf struktureller und operativer Ebene. Die Aktivitäten sind vielfältig, es gibt aufsuchende Angebote in den Unterkünften, ehrenamtlich Tätige die Interessenten abholen und in Vereine begleiten, Regelangebote die für Asylbewerber geöffnet werden, neu initiierte niederschwellige Angebote oder auch die Bereitstellung von Sportplätzen. Der Sport leistet hier aus meiner Sicht einen wichtigen Beitrag und zeigt seine integrativen Möglichkeiten.

6. Was würden Sie in oder an Stuttgart ändern wollen, wenn Sie die Chance hätten.

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, ich denke es sind Dinge, die viele von uns beschäftigen. Kleine Maßnahmen zeigen oft große Wirkung. Ich würde aktuell bei Feinstaubalarm alle Erwachsenen zum Preis des Kindertickets im VVS fahren lassen. Das erzeugt keinen zusätzlichen Verwaltungsaufwand und über den Anreiz wird das Stadtbahn fahren vielleicht zur Gewohnheit.

7. Und natürlich als letzte Frage, was ist so toll an unserer Stadt, das Sie nie ändern würden.

Ich bin in Stuttgart geboren, aufgewachsen und abgesehen von der Studienzeit immer Stuttgarter geblieben. „Man kennt sich“ - ich kenne viele Menschen in der Stadt und treffe sie in anderen Zusammenhängen, egal ob bei der Arbeit, in der Freizeit, bei Veranstaltungen oder beim Einkaufen, wieder. Das eröffnet neue Blickwinkel und darüber entstehen manchmal auch neue Freundschaften. Das gefällt mir und ist aus meiner Sicht für Stuttgart typisch. Die „kleine“ Großstadt darf aus meiner Sicht gerne genau so bleiben.

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